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Inmitten einer kleinen Stadt lebte einmal ein Mädchen namens Rosalie. Rosalie war
bereits acht Jahre alt, und damit schon ein richtig großes Mädchen, fand sie. Rosalie hatte noch einen kleinen Bruder, den sie ärgerlich "Heulboje" nannte. Denn jedes Mal wenn er etwas nicht bekam, fing er
an Rotz und Wasser zu heulen. Und bekam prompt alles was er sich wünschte. Hätte Rosalie sich so "kindisch" aufgeführt, hätte es nichts als Ermahnungen gegeben, das wusste sie. Also versuchte sie auf
andere Weise ihren Willen bei Mama durchzusetzen. Papa hatte zu alledem nichts zu sagen, da er ständig auf Geschäftsreise war, wie Mama vor ihren Freundinnen prahlte. Dafür war Mama stets zur Stelle.
Mama hatte zu allem eine Meinung: "Rosalie tue dies nicht und lass das
sein!..." Manchmal konnten Mamas ganz schön nerven. Um so mehr freute sie sich auf ihren morgendlichen und mittäglichen Weg zur Schule. Da war nämlich keine Mama in der Nähe, nur ihre Schulfreundin Fritzi.
Gemeinsam schielten sie dann auf die wirklich "großen" Mädchen, die stets in Horden den Gehweg entlang trampelten und sich dabei so allerlei trauten. Wie zum Beispiel bei Rot über die Straße zu gehen und
ohne Licht Fahrrad zu fahren oder mit den Fahrrädern nebeneinander zu fahren, während dahinter die Autos hupten.
Rosalie fand die "Großen" richtig cool. Fritzi, eigentlich Franziska, war
da etwas vorsichtiger und beäugte das Tun der anderen Mädchen mit leichtem Mißtrauen. "Eigentlich ist das ziemlich gefährlich", meinte sie daher, als ein Mädchen aus der vierten Klasse auf dem Haltestein
hin und her hüpfte, während die Lastwagen vorbei donnerten. "Die traut sich halt was!", war Rosalies Kommentar. Dabei lugte sie sehnsüchtig auf ihr "Vorbild". Rosalies einziger Einwand war, dass
die Erwachsenen oft genau so einen Blödsinn auf den Straßen machten. Und dagegen konnte auch Fritzi nichts mehr sagen.
Um so mehr freute sich Rosalie eines Nachmittags im Dezember auf einen Spaziergang
zu ihrer Oma, den sie ganz allein machen durfte. Ihre Oma, eine ganz rüstige Seniorin, hatte sich bei dem ständig Glatteis der letzten Tage den Fußknöchel verstaucht und mußte ein paar Tage zu Hause bleiben.
Diensteifrig und einschmeichelnd erreichte es Rosalie den langen Fußmarsch allein gehen zu dürfen, "Omama braucht dringend Besuch" erklärte sich kurzerhand ihrer Mama. Und die stimmte endlich zu. Aber
nicht ohne viele gute Ratschläge mit auf den Weg zu geben. "Schau nach rechts und links vor dem Überqueren! Paß auf die glatten Straßen auf! Und vor allem komm mir nicht vom Weg ab."
Für Rosalie alles kein Problem. Und ehe die Mutter schauen konnte, hatte sie sich
mit ihrer schwarze Winterjacke auf den Weg gemacht. Die Straßen der Siedlung waren kein Problem für Rosalie, zwar war der Gehweg schlecht geräumt, aber die Autos mußten genauso langsam fahren, wie sie gehen mußte.
Außerdem war es noch einigermaßen hell.
An der Hauptstraße jedoch traf sie auf Kitty, Rosalies großes Vorbild aus der
fünften Klasse. Für Kitty waren alle anderen, die kleiner waren, noch Babys und somit unter ihrer Würde. Aber sie hatte schon länger bemerkt, wie die kleine Rosalie sehnsüchtig zu ihr aufschaute. Das schmeichelte
ihr natürlich sehr und so ließ sie sich dazu herab, Rosalie anzusprechen. "Na, wo willst Du denn heute hin?"
"Zu meiner Oma", hauchte Rosalie entzückt, besann sich aber dann etwas und
setzte hinzu "wenn ich will. Eigentlich habe ich nichts besonders vor."
"Da weiß ich was besseres, heut läuft im Kinderkino ein toller Film. Fängt bald
an. Willst Du vielleicht mitkommen?". Und ob Rosalie wollte. Daß Oma wartete und Mama sie gewarnt hatte, keinen anderen Wege zu benutzen als gelernt, kümmerte Rosalie in diesem Moment wenig. Kino mit Kitty war
doch viel besser.
Im Kino war es dann noch viel schöner, als Rosalie es sich gedacht hatte. Kittys
Freundinnen nahmen sie gnädig in ihren Reihen auf. Daß sie allen eine Riesentüte Popcorn spendieren mußte, nahm sie dabei gern in Kauf. Aber während der Film lief, quälten sie leichte Gewissensbisse. Die wurden am
Ende nicht kleiner als sich alle Freundinnen gleich nach dem Ende blitzschnell verabschiedeten. Selbst Kitty murmelte etwas von "Ich muß jetzt auch ganz schnell nach Hause" und machte sich daran, Rosalie
zu verlassen. Von Panik ergriffen lief sie hinter Kitty her. Denn mittlerweile war es ziemlich dunkel geworden und Rosalie fürchtet sich sehr im Dunkeln. Doch der Abstand zwischen den beiden Mädchen wurde immer
größer. So sehr sich Rosalie auch bemühte, Kitty war immer schneller. Und als sie blitzschnell einen Zebrastreifen überquerte, wollte Rosalie einfach hinterher.
Plötzlich schleiften Reifen über den Schnee. Dann war alles still. Rosalie sah sich
um. Ein Auto war quer über die Fahrspur gerutscht und in einem Schneehaufen gelandet. Das hatte sie nun wirklich nicht gewollt. Aber nun war es passiert. Nur mit Mühe hielt sie ihre aufsteigenden Tränen zurück. Aber
es half alles nichts. Wie ein Häufchen Elend stand sie neben dem Schneehaufen und weinte lautlos vor sich hin. Die Frau, die aus den Autos stieg und sich den Schrecken aus den Gliedern schüttelte, sah Rosalie mit
großen Augen an.
Was dann passierte hatte Rosalie nur noch verschwommen in Erinnerung. Die Frau
wischte ihr kurzerhand die gefrorenen Tränen von der Wange, während ein Fußgänger verwundert auf das Auto im Schneehaufen starrte. In den vorbeifahrenden Autos quetschten sich neugierige Gesichter an die Scheibe.
Der Schaden war schnell begutachtet. Ein paar Beulen an der Stoßstange würden weiterhin von dem Unfall im Schneehaufen berichten können, ansonsten waren alle mit dem Schrecken davon gekommen.
Natürlich erfuhr auch Rosalies Mama von dem Geschehen. Die Frau brachte sie
nach Hause und gemeinsam setzten sie das Unfallgeschehen zusammen. Rosalie stöhnte ab und zu gequält auf, als ihre kleinen und großen Missetaten zutage kamen. Trotzdem war sie froh darüber, alles sagen zu können.
Denn Mama guckte nicht so vorwurfsvoll wie sie gefürchtet hatte, sondern nahm sie in die Arme und drückte sie leicht. Nicht einmal Thomas, die kleine Heulboje störte dabei. So nahm sie gern die kleine Strafe von
zwei Tagen Hausarrest in Kauf, zumal sie Omama besuchen kam und ein kleines Trostpflaster mit Schokolade brachte.
Nur Fritzi wunderte sich am nächsten Tag über die folgsame Rosalie, die lieber zwei
mal nach links und rechts sah, bevor sie über die Straße ging und auch nicht ein einziges mal bewundernd zu den Großen schielte.
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